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Ratgeber · Aufhebungsvertrag

Aufhebungsvertrag: Was Arbeitnehmer wissen müssen

Was ein Aufhebungsvertrag ist, was er für Abfindung, Arbeitslosengeld und Zeugnis bedeutet und wie Sie ihn vor der Unterschrift prüfen.

  • Redaktion: ProofDocs
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  • Aktualisiert:
  • ca. 17 Min. Lesezeit

Ein Aufhebungsvertrag beendet Ihr Arbeitsverhältnis im gegenseitigen Einvernehmen – ohne Kündigung, ohne Kündigungsschutz und oft schneller, als es jede Kündigungsfrist erlauben würde. Was nach einer einfachen Lösung klingt, hat für Arbeitnehmer weitreichende Folgen: beim Arbeitslosengeld, bei der Abfindung, beim Arbeitszeugnis und bei Ansprüchen, die mit einer einzigen Klausel erlöschen können.

Dieser Ratgeber ist die Übersicht zu allen Fragen rund um den Aufhebungsvertrag. Er erklärt die rechtlichen Grundlagen, rechnet Abfindung und Arbeitslosengeld an Beispielen durch und verweist für jedes Spezialthema auf einen vertiefenden Artikel. Wie Sie Verträge allgemein vor der Unterschrift prüfen, zeigt unser Leitfaden zur Arbeitsvertragsprüfung.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Freiwilligkeit: Niemand muss einen Aufhebungsvertrag unterschreiben. Ohne Ihre Unterschrift bleibt das Arbeitsverhältnis bestehen.

  • Schriftform: Der Vertrag braucht nach § 623 BGB die eigenhändige Unterschrift beider Seiten. Per E-Mail oder mündlich ist er unwirksam.

  • Kein Kündigungsschutz: Kündigungsschutzgesetz, Sonderkündigungsschutz und Anhörung des Betriebsrats greifen nicht.

  • Arbeitslosengeld: Ohne wichtigen Grund droht eine Sperrzeit von bis zu zwölf Wochen, die den Anspruch zusätzlich um mindestens ein Viertel kürzt.

  • Abfindung: Einen gesetzlichen Anspruch gibt es nicht. Üblicher Ausgangspunkt sind 0,5 Bruttomonatsgehälter pro Beschäftigungsjahr.

  • Kein Widerruf: Ein unterschriebener Aufhebungsvertrag lässt sich nur in Ausnahmefällen anfechten. Prüfen Sie ihn deshalb vorher.

Was ist ein Aufhebungsvertrag?

Ein Aufhebungsvertrag ist eine einvernehmliche Vereinbarung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, das Arbeitsverhältnis zu einem bestimmten Datum zu beenden. Anders als die Kündigung ist er keine einseitige Erklärung, sondern ein Vertrag, den beide Seiten schließen. Grundlage ist die Vertragsfreiheit nach § 311 BGB: Wer einen Arbeitsvertrag gemeinsam schließen darf, darf ihn auch gemeinsam beenden.

Gleichbedeutend sind die Begriffe Auflösungsvertrag und Aufhebungsvereinbarung. Davon zu unterscheiden ist der Abwicklungsvertrag: Er folgt auf eine bereits ausgesprochene Kündigung und regelt nur noch deren Folgen, etwa Abfindung und Zeugnis. Für das Arbeitslosengeld behandelt die Agentur für Arbeit beide Verträge nach denselben Maßstäben. Welche der beiden Wege im Einzelfall günstiger ist, vergleicht der Artikel Kündigung oder Aufhebungsvertrag.

Wann ist ein Aufhebungsvertrag wirksam?

Ein Aufhebungsvertrag ist nur in Schriftform wirksam. § 623 BGB schließt die elektronische Form ausdrücklich aus. Nach § 126 BGB müssen beide Parteien dieselbe Urkunde eigenhändig unterschreiben, bei zwei gleichlautenden Exemplaren genügt es, wenn jede Seite das für die andere bestimmte Exemplar unterzeichnet. Eine Einigung per E-Mail, WhatsApp oder Handschlag beendet das Arbeitsverhältnis nicht. Es besteht dann fort, mit allen Rechten und Pflichten.

Wie läuft ein Aufhebungsvertrag typischerweise ab?

In der Praxis lädt der Arbeitgeber zu einem Personalgespräch ein und legt dort einen fertigen Entwurf vor, oft verbunden mit dem Hinweis, dass sonst eine Kündigung folge. Seltener geht die Initiative vom Arbeitnehmer aus, etwa wenn eine neue Stelle früher beginnt, als die Kündigungsfrist es erlaubt.

Nach dem ersten Gespräch folgt im Idealfall eine Verhandlungsphase: Sie prüfen den Entwurf, rechnen die Folgen durch und schicken einen schriftlichen Gegenvorschlag. Erst wenn alle Punkte geklärt sind, unterschreiben beide Seiten die Endfassung. Danach melden Sie sich bei der Agentur für Arbeit arbeitsuchend und erhalten bis zum Enddatum Ihr Gehalt, häufig in einer Freistellung.

Aufhebungsvertrag oder Kündigung: Die Unterschiede

Die Entscheidung zwischen Aufhebungsvertrag und Kündigung hat Folgen für Ihren Schutz, Ihr Geld und Ihre Zeit danach. Die Tabelle stellt die wichtigsten Punkte gegenüber:

Kriterium Aufhebungsvertrag Arbeitgeberkündigung
Art der Erklärung Vertrag beider Seiten Einseitige Erklärung
Kündigungsfrist Frei vereinbar Gesetzlich, tariflich oder vertraglich
Kündigungsschutz Greift nicht Gerichtlich überprüfbar
Betriebsrat Keine Anhörung Anhörung nach § 102 BetrVG
Abfindung Verhandlungssache Nur in Sonderfällen, etwa nach § 1a KSchG
Sperrzeit beim Arbeitslosengeld Droht ohne wichtigen Grund In der Regel nur bei verhaltensbedingter Kündigung
Form Schriftform, § 623 BGB Schriftform, § 623 BGB

Der zentrale Unterschied ist der Verzicht auf den Kündigungsschutz. Gegen eine Kündigung können Sie innerhalb von drei Wochen nach § 4 KSchG eine Kündigungsschutzklage erheben, und viele Verfahren enden mit einem Vergleich samt Abfindung. Nach der Unterschrift unter einen Aufhebungsvertrag entfällt diese Möglichkeit.

Warum Arbeitgeber einen Aufhebungsvertrag anbieten

Arbeitgeber wählen den Aufhebungsvertrag fast immer dann, wenn eine Kündigung schwierig, langwierig oder riskant wäre. Typische Motive sind:

  1. Kündigungsschutz vermeiden: Nach sechs Monaten in einem Betrieb mit mehr als zehn Beschäftigten braucht jede Kündigung einen Grund nach § 1 KSchG. Bei Schwangeren, Schwerbehinderten oder Betriebsratsmitgliedern ist sie kaum möglich.

  2. Lange Fristen abkürzen: Nach 20 Jahren beträgt die Kündigungsfrist des Arbeitgebers sieben Monate zum Monatsende.

  3. Prozessrisiko ausschließen: Ein Kündigungsschutzverfahren kostet Zeit und Geld und endet ungewiss.

  4. Diskretion: Ein Aufhebungsvertrag läuft ohne Betriebsrat und erregt weniger Aufsehen.

Fragen Sie sich deshalb zuerst: Könnte mein Arbeitgeber mir überhaupt wirksam kündigen? Lautet die Antwort „eher nicht“, ist Ihre Verhandlungsposition stärker, als das Angebot vermuten lässt.

Aufhebungsvertrag für Arbeitnehmer: Vor- und Nachteile

Ein Aufhebungsvertrag ist nicht per se schlecht. Er kann für Arbeitnehmer die bessere Lösung sein, wenn die Bedingungen stimmen.

Vorteile

  • Schneller Wechsel: Mit einer neuen Stelle in Aussicht müssen Sie keine lange Frist abwarten.

  • Abfindung und Zeugnis: Beides lässt sich verbindlich festschreiben, inklusive Note des Arbeitszeugnisses.

  • Bezahlte Freistellung: Sie können bis zum Ende freigestellt werden und Zeit für die Bewerbung nutzen.

  • Neutraler Lebenslauf: Eine einvernehmliche Trennung wirkt in Bewerbungen neutraler als eine Kündigung.

Nachteile

  • Sperrzeit und Kürzung: Ohne wichtigen Grund ruht das Arbeitslosengeld bis zu zwölf Wochen, die Anspruchsdauer sinkt um mindestens ein Viertel.

  • Ruhen bei verkürzter Frist: Endet der Vertrag vor Ablauf der Kündigungsfrist und fließt eine Abfindung, ruht der Anspruch zusätzlich.

  • Verlust von Schutzrechten: Kündigungsschutz und Sonderkündigungsschutz entfallen vollständig.

  • Verzicht durch Klauseln: Eine weite Ausgleichsklausel kann offene Ansprüche auf Bonus oder Überstunden erledigen.

Alle Risiken im Detail behandelt der Artikel Nachteile eines Aufhebungsvertrags. Geht die Initiative von Ihnen aus, etwa wegen eines neuen Jobs, gelten eigene Regeln, die Aufhebungsvertrag auf Wunsch des Arbeitnehmers erklärt.

Aufhebungsvertrag und Arbeitslosengeld: Sperrzeit und Ruhen

Wer einen Aufhebungsvertrag unterschreibt, hat sein Beschäftigungsverhältnis aus Sicht der Agentur für Arbeit selbst gelöst. Nach § 159 SGB III tritt dann eine Sperrzeit von bis zu zwölf Wochen ein, wenn Sie keinen wichtigen Grund hatten. Zusätzlich mindert sich die Anspruchsdauer nach § 148 SGB III um mindestens ein Viertel. Bei zwölf Monaten Anspruch sind das drei Monate, die endgültig verloren sind.

Einen wichtigen Grund erkennt die Agentur nach ihren Fachlichen Weisungen zu § 159 an, wenn Ihnen sonst eine betriebsbedingte Kündigung zum selben Termin gedroht hätte, die Kündigungsfrist eingehalten ist und die Abfindung zwischen 0,25 und 0,5 Bruttomonatsgehältern pro Beschäftigungsjahr liegt. Wird die Frist dagegen verkürzt und eine Abfindung gezahlt, ruht der Anspruch außerdem nach § 158 SGB III bis zum Ende der eigentlichen Frist.

Konstellation Folge beim Arbeitslosengeld
Drohende betriebsbedingte Kündigung, Frist eingehalten, Abfindung 0,25–0,5 Gehälter pro Jahr In der Regel keine Sperrzeit
Kein Kündigungsgrund des Arbeitgebers, Initiative des Arbeitnehmers Sperrzeit bis zwölf Wochen, Anspruch mindestens ein Viertel kürzer
Frist verkürzt, Abfindung gezahlt Ruhen nach § 158 SGB III, meist zusätzlich Sperrzeit

Unabhängig davon müssen Sie sich nach § 38 SGB III spätestens drei Monate vor dem Ende arbeitsuchend melden, bei kürzerem Vorlauf innerhalb von drei Tagen nach Unterschrift. Ein Rechenbeispiel mit allen Zahlen enthält der Artikel Aufhebungsvertrag und Arbeitslosengeld, die Fälle mit und ohne wichtigen Grund vertieft Sperrzeit beim Aufhebungsvertrag.

Aufhebungsvertrag und Abfindung: Was ist realistisch?

Viele verbinden den Aufhebungsvertrag automatisch mit einer Abfindung. Einen gesetzlichen Anspruch gibt es aber nicht, die Höhe ist Verhandlungssache. Als Richtwert dient die Formel aus § 1a KSchG: 0,5 Bruttomonatsverdienste pro Beschäftigungsjahr, wobei mehr als sechs Monate auf ein volles Jahr aufgerundet werden.

Berechnungsbeispiel

Bei einem Bruttogehalt von 4.000 € und zehn Jahren Betriebszugehörigkeit ergibt sich: 4.000 € × 0,5 × 10 = 20.000 € brutto. Wer starken Kündigungsschutz hat oder dessen Arbeitgeber dringend eine schnelle Trennung braucht, verhandelt häufig deutlich mehr. Wie stark diese Faktoren wirken, zeigt der Ratgeber zur Berechnung der Abfindungshöhe, typische Verhandlungsstrategien beschreibt der Artikel Abfindung beim Aufhebungsvertrag.

Lohnt sich die Abfindung trotz Sperrzeit?

Rechnen Sie die Abfindung immer gegen den möglichen Verlust beim Arbeitslosengeld. Angenommen, Ihnen stünden zwölf Monate Arbeitslosengeld von rund 1.650 € zu, also etwa 55 € pro Tag. Eine Sperrzeit von zwölf Wochen bedeutet 84 Tage ohne Zahlung, die Kürzung um ein Viertel nimmt Ihnen 90 Tage des Anspruchs. Wer lange arbeitslos bleibt, verliert damit rund 4.950 €, wer nach drei Monaten eine neue Stelle findet, rund 4.600 € für die Sperrzeit.

Eine Abfindung von 20.000 € brutto gleicht das rechnerisch aus. Die eigentliche Frage ist aber eine andere: Hätten Sie dieselbe Abfindung auch ohne Sperrzeit bekommen, etwa über eine Kündigung und einen Vergleich vor dem Arbeitsgericht? Ist das wahrscheinlich, sollte der Aufhebungsvertrag mehr bieten als dieser Weg, oder den wichtigen Grund sauber belegen.

Was die Höhe beeinflusst

  • Betriebszugehörigkeit und Alter: Je länger und je älter, desto höher die übliche Abfindung.

  • Erfolgsaussichten einer Klage: Hätte eine Kündigung vor Gericht wenig Chancen, zahlt der Arbeitgeber eher mehr.

  • Sonderkündigungsschutz: Wer kaum kündbar ist, verhandelt aus der stärksten Position.

  • Zeitdruck des Arbeitgebers: Umstrukturierungen mit festem Termin erhöhen Ihren Spielraum.

Steuern und Sozialabgaben

Eine echte Abfindung ist frei von Sozialversicherungsbeiträgen, aber voll einkommensteuerpflichtig. Die Steuerlast mildert die Fünftelregelung nach § 34 EStG. Seit 2025 wendet der Arbeitgeber sie nicht mehr im Lohnsteuerabzug an, Sie beantragen sie mit der Einkommensteuererklärung. Auch der Auszahlungszeitpunkt zählt: Fließt die Abfindung in einem Jahr mit geringerem Einkommen, sinkt die Steuer. Einzelheiten erklärt der Ratgeber Abfindung versteuern.

Kündigungsfrist, Freistellung und Sprinterklausel

Das Enddatum im Aufhebungsvertrag ist frei vereinbar. Für das Arbeitslosengeld zählt aber, ob es die Frist einhält, die für eine Kündigung des Arbeitgebers gegolten hätte. Nach § 622 BGB beträgt sie nach zwei Jahren einen Monat, nach fünf Jahren zwei, nach acht Jahren drei und steigt bis zu sieben Monaten nach 20 Jahren, jeweils zum Monatsende. Tarif- oder Arbeitsvertrag können längere Fristen vorsehen. Wenn Sie unsicher sind, welche Frist in Ihrem Vertrag steht, können Sie Ihren Arbeitsvertrag prüfen lassen. Wie Sie die Frist richtig berechnen, zeigt Kündigungsfrist beim Aufhebungsvertrag.

Bis zum Enddatum vereinbaren viele eine unwiderrufliche Freistellung unter Fortzahlung der Vergütung, auf die Resturlaub angerechnet wird. Worauf es dabei ankommt, steht im Artikel Freistellung im Aufhebungsvertrag. Eine Sprinterklausel erlaubt Ihnen, früher zu gehen, etwa bei einem neuen Job, und wandelt das eingesparte Gehalt ganz oder teilweise in eine höhere Abfindung um. Die Tücken dieser Klausel beim Arbeitslosengeld erklärt Sprinterklausel im Aufhebungsvertrag.

Welche Klauseln gehören in den Aufhebungsvertrag?

Ein vollständiger Aufhebungsvertrag regelt weit mehr als das Enddatum. Fehlt eine Regelung, entsteht nach der Unterschrift häufig Streit, den Sie kaum noch gewinnen können:

Klausel Inhalt Risiko bei Fehlen
Beendigung und Anlass Datum, Veranlassung durch den Arbeitgeber, drohende Kündigung Sperrzeit mangels belegtem wichtigen Grund
Abfindung Bruttobetrag, Fälligkeit, Vererblichkeit Kein Anspruch, Streit über Zeitpunkt
Freistellung Unwiderruflich, Vergütung, Anrechnung von Urlaub Arbeitspflicht bis zum letzten Tag
Urlaub und Überstunden Gewährung oder Abgeltung Streit über offene Tage und Stunden
Arbeitszeugnis Qualifiziert, Note, Schlussformel, Entwurfsrecht Schwaches Zeugnis
Bonus und Altersvorsorge Anteilige Zahlung, Unverfallbarkeit Verfall durch Ausgleichsklausel
Wettbewerbsverbot Aufhebung oder Karenzentschädigung Berufliche Einschränkung
Ausgleichsklausel Erledigung aller übrigen Ansprüche Verlust noch offener Forderungen

Besonders kritisch ist die Ausgleichsklausel. Eine Formulierung wie „Mit Erfüllung dieses Vertrags sind alle gegenseitigen Ansprüche erledigt“ kann Ansprüche auf Überstunden und Arbeitszeitguthaben oder Provisionen beseitigen, die Ihnen noch zustanden. Nehmen Sie deshalb alles, was offen ist, ausdrücklich aus. Ein vollständig kommentiertes Vertragsbeispiel finden Sie im Aufhebungsvertrag Muster.

Arbeitszeugnis im Aufhebungsvertrag

Ihr Anspruch auf ein qualifiziertes Arbeitszeugnis folgt aus § 109 GewO. Welche Note es trägt, liegt ohne Vereinbarung aber beim Arbeitgeber. Halten Sie deshalb die Bewertung fest, etwa „stets zu unserer vollen Zufriedenheit“, dazu eine Dankes- und Bedauernsformel, ein Entwurfsrecht und eine Frist. Welche Formulierungen im Arbeitszeugnis welche Note bedeuten und welche Geheimcodes es gibt, erklären unsere Zeugnisratgeber. Das fertige Zeugnis können Sie über die Arbeitszeugnisanalyse von ProofDocs prüfen lassen.

Gebot fairen Verhandelns, Bedenkzeit und Widerruf

Ein gesetzliches Widerrufsrecht gibt es beim Aufhebungsvertrag nicht, auch nicht, wenn er in Ihrer Wohnung geschlossen wird (BAG, Urteil vom 07.02.2019 – 6 AZR 75/18). Das Bundesarbeitsgericht hat in derselben Entscheidung aber das Gebot fairen Verhandelns anerkannt: Schafft der Arbeitgeber eine psychische Drucksituation, die eine freie Entscheidung erheblich erschwert, oder nutzt er eine solche aus, muss er Sie so stellen, als hätten Sie nicht unterschrieben.

Die Hürde ist hoch. Der Arbeitgeber darf den Vertrag auch nur zur sofortigen Annahme anbieten, ohne Bedenkzeit, und Druck allein macht den Vertrag nicht unwirksam (BAG, Urteil vom 24.02.2022 – 6 AZR 333/21). Eine gesetzliche Bedenkzeit existiert nicht. Wer unter Zeitdruck gesetzt wird, sollte deshalb nicht unterschreiben: Ein Angebot, das nur heute gilt, ist meist ein schlechtes.

Anfechtung nach der Unterschrift

Nach der Unterschrift bleibt nur die Anfechtung. Wegen widerrechtlicher Drohung oder arglistiger Täuschung ist sie nach § 123 BGB möglich, binnen eines Jahres nach § 124 BGB. Die Drohung mit einer Kündigung ist allerdings nur widerrechtlich, wenn ein verständiger Arbeitgeber eine Kündigung nicht ernsthaft in Betracht gezogen hätte. Ein Irrtum nach § 119 BGB hilft selten: Wer sich nur über Rechtsfolgen wie die Sperrzeit geirrt hat, kann deshalb nicht anfechten.

Schritt für Schritt: So verhandeln Sie einen Aufhebungsvertrag

  1. Nicht im ersten Gespräch unterschreiben: Nehmen Sie den Entwurf mit und bitten Sie schriftlich um einige Tage Bedenkzeit.

  2. Position einschätzen: Prüfen Sie, ob das Kündigungsschutzgesetz gilt, ob Sonderkündigungsschutz besteht und ob eine Kündigung begründbar wäre.

  3. Arbeitslosengeld durchrechnen: Klären Sie, ob ein wichtiger Grund belegbar ist und ob das Enddatum die Kündigungsfrist einhält.

  4. Klauseln prüfen: Gehen Sie Abfindung, Freistellung, Urlaub, Zeugnis, Bonus und Ausgleichsklausel einzeln durch. Ziehen Sie bei hohen Beträgen einen Fachanwalt für Arbeitsrecht hinzu.

  5. Gegenvorschlag schriftlich machen: Formulieren Sie Ihre Punkte konkret und begründet, mit Betrag, Datum und Wortlaut.

  6. Endfassung vergleichen: Prüfen Sie vor der Unterschrift, ob jede Zusage im Text steht. Mündliche Absprachen zählen später nicht.

Für die Schritte vier und fünf bietet ProofDocs zwei Hilfen: Die Aufhebungsvertragsanalyse ordnet jede Klausel Ihres Entwurfs in wenigen Minuten ein und schlägt Formulierungen für die Nachverhandlung vor. Das Verhandlungsschreiben fasst Ihren Gegenvorschlag in einen sachlichen Brief an den Arbeitgeber.

Besondere Situationen beim Aufhebungsvertrag

Schwangerschaft und Elternzeit: Der Schutz nach § 17 MuSchG und § 18 BEEG verbietet nur die Kündigung, nicht den Aufhebungsvertrag. Wer ihn unterschreibt, gibt einen nahezu vollständigen Schutz auf, und das sollte sich in der Abfindung deutlich zeigen.

Schwerbehinderung und Betriebsrat: Für eine Kündigung bräuchte der Arbeitgeber die Zustimmung des Integrationsamts nach § 168 SGB IX, bei Betriebsratsmitgliedern ist die ordentliche Kündigung nach § 15 KSchG ausgeschlossen. Beim Aufhebungsvertrag entfällt beides.

Weitere Konstellationen haben eigene Regeln: der Aufhebungsvertrag bei Krankheit, der Aufhebungsvertrag in der Probezeit, der Aufhebungsvertrag im Minijob, der Aufhebungsvertrag in der Ausbildung und der Aufhebungsvertrag im öffentlichen Dienst.

Checkliste: Aufhebungsvertrag vor der Unterschrift prüfen

Gehen Sie die folgenden Fragen durch, bevor Sie einen Aufhebungsvertrag unterschreiben. Jede Frage, die Sie mit „nein“ oder „weiß nicht“ beantworten, ist ein Punkt für die Nachverhandlung.

  • Hält das Enddatum die Kündigungsfrist ein, die bei einer Kündigung des Arbeitgebers gegolten hätte?

  • Steht im Vertrag, dass die Beendigung auf Veranlassung des Arbeitgebers erfolgt, und warum ihm sonst gekündigt worden wäre?

  • Sind Abfindungsbetrag, Fälligkeit und Vererblichkeit klar geregelt?

  • Ist die Freistellung unwiderruflich und wird die Vergütung bis zum Ende fortgezahlt?

  • Sind Resturlaub, Überstunden, Bonus und Provisionen ausdrücklich geregelt?

  • Sind Note, Schlussformel und Ausstellungsfrist des Arbeitszeugnisses festgelegt?

  • Nimmt die Ausgleichsklausel alle Ansprüche aus, die noch offen sind?

  • Haben Sie sich rechtzeitig bei der Agentur für Arbeit arbeitsuchend gemeldet?

Häufige Fehler beim Aufhebungsvertrag

  1. Sofort unterschreiben: Der folgenreichste Fehler, denn danach gibt es kaum ein Zurück.

  2. Arbeitslosengeld nicht durchrechnen: Sperrzeit und Kürzung kosten schnell mehrere Tausend Euro.

  3. Erstes Angebot annehmen: Die erste Abfindung ist selten die letzte.

  4. Zeugnis offenlassen: Ohne vereinbarte Note bestimmt der Arbeitgeber die Bewertung allein.

  5. Meldung vergessen: Wer sich zu spät arbeitsuchend meldet, riskiert eine zusätzliche Sperrzeit von einer Woche.

  6. Pauschale Ausgleichsklausel akzeptieren: Damit verzichten Sie womöglich auf Geld, das Ihnen zusteht.

Zusammenfassung

Ein Aufhebungsvertrag beendet das Arbeitsverhältnis einvernehmlich und schriftlich, ohne Kündigungsschutz und ohne Widerrufsrecht. Er kann für Arbeitnehmer vorteilhaft sein, wenn Abfindung, Zeugnis, Freistellung und Enddatum stimmen und ein wichtiger Grund die Sperrzeit beim Arbeitslosengeld vermeidet.

Unterschreiben Sie nie im ersten Gespräch. Rechnen Sie Arbeitslosengeld und Abfindung durch, prüfen Sie jede Klausel und verhandeln Sie schriftlich nach. Die Aufhebungsvertragsanalyse von ProofDocs zeigt Ihnen in wenigen Minuten, wo Ihr Entwurf Risiken enthält und wie Sie nachverhandeln können.

Häufig gestellte Fragen

Was ist ein Aufhebungsvertrag?

Ein Aufhebungsvertrag ist eine schriftliche Vereinbarung, mit der Arbeitgeber und Arbeitnehmer das Arbeitsverhältnis einvernehmlich zu einem bestimmten Datum beenden. Er ersetzt die Kündigung, deshalb gelten weder Kündigungsfristen noch Kündigungsschutz. Wirksam ist er nur, wenn beide Seiten ihn eigenhändig unterschreiben (§ 623 BGB), eine E-Mail genügt nicht. Meist regelt er neben dem Enddatum auch Abfindung, Freistellung, Resturlaub, Arbeitszeugnis und offene Ansprüche. Für Arbeitnehmer ist entscheidend, dass sie ohne wichtigen Grund eine Sperrzeit beim Arbeitslosengeld riskieren und auf Schutzrechte verzichten. Unterschreiben Sie deshalb erst, wenn Sie alle Klauseln verstanden und die Folgen durchgerechnet haben.

Was ist der Unterschied zwischen Aufhebungsvertrag und Kündigung?

Eine Kündigung ist eine einseitige Erklärung, ein Aufhebungsvertrag ein Vertrag, dem beide Seiten zustimmen müssen. Gegen eine Kündigung des Arbeitgebers können Sie innerhalb von drei Wochen klagen, ihre Wirksamkeit hängt von Kündigungsgrund, Frist und Anhörung des Betriebsrats ab. Beim Aufhebungsvertrag entfällt all das: Es gibt keine Kündigungsfrist, keinen Kündigungsschutz und keine Beteiligung des Betriebsrats. Dafür lassen sich Abfindung, Freistellung und Zeugnis frei verhandeln. Beim Arbeitslosengeld droht nach einem Aufhebungsvertrag ohne wichtigen Grund eine Sperrzeit, nach einer betriebsbedingten Kündigung in der Regel nicht.

Droht beim Aufhebungsvertrag eine Sperrzeit beim Arbeitslosengeld?

Ja, wenn Sie keinen wichtigen Grund für die Unterschrift hatten. Die Sperrzeit nach § 159 SGB III dauert bis zu zwölf Wochen, und die Anspruchsdauer sinkt nach § 148 SGB III um mindestens ein Viertel. Nach den Fachlichen Weisungen der Bundesagentur liegt ein wichtiger Grund vor, wenn Ihnen sonst eine betriebsbedingte Kündigung zum selben Zeitpunkt gedroht hätte, die Kündigungsfrist eingehalten ist und die Abfindung zwischen 0,25 und 0,5 Bruttomonatsgehältern pro Beschäftigungsjahr liegt. Weitere Gründe sind etwa gesundheitliche Ursachen mit ärztlichem Attest. Die Tatsachen sollten im Vertrag stehen und belegbar sein.

Muss ich einen Aufhebungsvertrag unterschreiben, wenn mein Arbeitgeber das verlangt?

Nein. Ein Aufhebungsvertrag setzt Ihre freiwillige Zustimmung voraus, und ohne Ihre Unterschrift besteht das Arbeitsverhältnis unverändert fort. Will der Arbeitgeber sich trotzdem trennen, muss er kündigen und dabei Kündigungsfrist, Kündigungsschutz und Betriebsrat beachten. Gegen diese Kündigung können Sie innerhalb von drei Wochen klagen. Eine Ablehnung des Angebots darf nicht zu Nachteilen führen. Setzt Sie der Arbeitgeber in einer Weise unter Druck, die eine freie Entscheidung erheblich erschwert, verstößt er gegen das Gebot fairen Verhandelns. Nehmen Sie den Entwurf in Ruhe mit und lassen Sie ihn prüfen, bevor Sie sich entscheiden.

Welche Bedenkzeit steht mir bei einem Aufhebungsvertrag zu?

Eine gesetzliche Bedenkzeit gibt es nicht. Das Bundesarbeitsgericht verlangt faires Verhandeln (BAG, Urteil vom 07.02.2019 – 6 AZR 75/18), erlaubt dem Arbeitgeber aber, den Vertrag nur zur sofortigen Annahme anzubieten (BAG, Urteil vom 24.02.2022 – 6 AZR 333/21). Sie selbst sind jedoch nie verpflichtet, sofort zu unterschreiben. Bitten Sie schriftlich um einige Tage Zeit und nutzen Sie diese, um Arbeitslosengeld, Abfindung und Klauseln zu prüfen. Zieht der Arbeitgeber sein Angebot deshalb zurück, bleibt Ihr Arbeitsverhältnis bestehen, und er müsste kündigen, mit allen Hürden, die das mit sich bringt.

Wie hoch ist die Abfindung bei einem Aufhebungsvertrag?

Einen gesetzlichen Anspruch auf eine Abfindung gibt es beim Aufhebungsvertrag nicht, die Höhe ist Verhandlungssache. Als Ausgangspunkt dient die Regelabfindung von 0,5 Bruttomonatsgehältern pro Beschäftigungsjahr aus § 1a KSchG. Bei 4.000 € Gehalt und zehn Jahren sind das 20.000 € brutto. Arbeitnehmer mit starkem Kündigungsschutz, langer Betriebszugehörigkeit oder einem Arbeitgeber unter Zeitdruck erreichen häufig deutlich mehr. Bedenken Sie beim Verhandeln, dass eine Abfindung über 0,5 Gehältern pro Jahr dazu führen kann, dass die Agentur für Arbeit genauer prüft, ob ein wichtiger Grund vorlag. Die Abfindung ist sozialversicherungsfrei, aber einkommensteuerpflichtig.

Kann ich einen bereits unterschriebenen Aufhebungsvertrag widerrufen?

Nein, ein gesetzliches Widerrufsrecht gibt es nicht, auch nicht bei einem Vertragsschluss in der eigenen Wohnung. Möglich ist nur eine Anfechtung wegen widerrechtlicher Drohung oder arglistiger Täuschung nach § 123 BGB innerhalb eines Jahres. Die Drohung mit einer Kündigung ist aber nur widerrechtlich, wenn ein verständiger Arbeitgeber eine Kündigung nicht ernsthaft erwogen hätte. Daneben kann der Vertrag fallen, wenn der Arbeitgeber gegen das Gebot fairen Verhandelns verstoßen hat, etwa durch gezielte Überrumpelung. Die Beweislast liegt in beiden Fällen bei Ihnen. Ein Irrtum über Folgen wie die Sperrzeit berechtigt nicht zur Anfechtung.

Welche Klauseln sollte ein Aufhebungsvertrag enthalten?

Ein vollständiger Aufhebungsvertrag regelt mindestens das Enddatum und den Anlass der Beendigung, die Abfindung mit Betrag und Fälligkeit, eine Freistellung mit Fortzahlung der Vergütung, Resturlaub und Überstunden, ein qualifiziertes Arbeitszeugnis mit vereinbarter Note sowie Bonus, Dienstwagen und betriebliche Altersvorsorge. Für Arbeitnehmer nützlich sind außerdem eine Sprinterklausel und die Vererblichkeit der Abfindung. Die Ausgleichsklausel am Ende sollte alle Ansprüche ausnehmen, die noch offen sind. Was nicht im Vertrag steht, lässt sich nach der Unterschrift kaum noch durchsetzen. Prüfen Sie den Entwurf deshalb Klausel für Klausel, bevor Sie unterschreiben.