Zum Inhalt springen

Ratgeber · Kündigung & Abfindung

Abfindung bei Betriebsschließung: Anspruch, Höhe und Fristen

Wenn die Firma schließt: was Ihnen zusteht und wie Sie es sichern.

  • Redaktion: ProofDocs
  • Veröffentlicht:
  • Aktualisiert:
  • ca. 17 Min. Lesezeit

Wenn die Firma schließt, stellt sich für alle Beschäftigten dieselbe Frage: Gibt es bei einer Betriebsschließung eine Abfindung, und wie hoch fällt sie aus? Die ehrliche Antwort hat zwei Seiten. Ist die Schließung echt, ist die Kündigung meist wirksam, und das Geld kommt aus einem Sozialplan oder gar nicht. Wird der Betrieb dagegen in Wahrheit verkauft, fortgeführt oder nur ein Standort geschlossen, ist die Kündigung angreifbar, und eine Kündigungsschutzklage wird zum Hebel für eine deutlich höhere Abfindung.

Dieser Ratgeber zeigt, wann eine Kündigung wegen Betriebsschließung wirksam ist, welche Kündigungsfrist gilt, woraus ein Anspruch auf Abfindung entsteht und wie Sie ihn berechnen. Er erklärt außerdem, was in der Insolvenz anders ist und welche Schritte Sie in den ersten drei Wochen gehen sollten.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Eine echte Betriebsschließung ist ein anerkannter Grund für eine betriebsbedingte Kündigung. Eine Abfindung ergibt sich dann vor allem aus einem Sozialplan, wenn ein Betriebsrat besteht.

  • Schließt nur ein Standort, muss der Arbeitgeber freie Arbeitsplätze an anderen Standorten anbieten. Wird der Betrieb verkauft, ist eine Kündigung wegen des Übergangs unwirksam (§ 613a Abs. 4 BGB).

  • Die Kündigungsfrist verkürzt sich durch die Schließung nicht. Nur in der Insolvenz gilt eine Höchstfrist von drei Monaten.

  • Massenentlassungsanzeige, Betriebsratsanhörung und Sonderkündigungsschutz sind häufige Fehlerquellen, die eine Kündigung trotz echter Schließung unwirksam machen.

  • Die dreiwöchige Klagefrist gilt auch hier. Wer sie verpasst, hat keinen Hebel mehr.

Passende Leistung

Kündigung prüfen und Abfindung berechnen.

Der kostenlose Kündigungsrechner berechnet Ihre Klagefrist und die übliche Abfindung. Die Kündigungsprüfung liest Ihr Kündigungsschreiben auf Formfehler, Fristen und Sonderkündigungsschutz.

  • Vorschau kostenlos, Zahlung erst danach
  • Ergebnis in wenigen Minuten
  • Ohne Anmeldung und ohne Abo

Kostenlos: Abfindungsrechner · Kündigungsfrist berechnen · Kündigung Vorlage

Betriebsschließung, Standortschließung, Geschäftsaufgabe: was rechtlich zählt

Arbeitsrechtlich heißt die Schließung Betriebsstilllegung. Gemeint ist der ernsthafte und endgültige Entschluss des Arbeitgebers, die Zusammenarbeit von Arbeitnehmern und Betriebsmitteln für einen unbestimmten, wirtschaftlich erheblichen Zeitraum aufzugeben. Ob die Schließung wirtschaftlich sinnvoll ist, prüft das Arbeitsgericht nicht: Die unternehmerische Entscheidung wird nur auf offenbare Unsachlichkeit oder Willkür kontrolliert. Geprüft wird aber genau, ob der Entschluss bei Zugang der Kündigung schon feststand und ob die Schließung tatsächlich stattfindet.

Situation Rechtliche Folge Bedeutung für die Abfindung
Ganzer Betrieb schließt, Unternehmen hat keinen weiteren Betrieb Kündigung meist wirksam, keine Sozialauswahl nötig Sozialplan oder Verhandlung ohne großen Druck
Standortschließung, Unternehmen hat weitere Betriebe Pflicht, freie vergleichbare Arbeitsplätze im Unternehmen anzubieten (§ 1 Abs. 2 KSchG) Fehlt das Angebot, steigt das Prozessrisiko des Arbeitgebers
Schließung in Etappen Sozialauswahl für jede Entlassungswelle Fehler in der Auswahl sind ein starker Hebel
Verkauf oder Fortführung durch einen anderen Inhaber Betriebsübergang, Arbeitsverhältnis geht über (§ 613a BGB), Kündigung wegen des Übergangs unwirksam Klage sehr aussichtsreich, hohe Vergleichsbereitschaft
Geschäftsaufgabe in der Insolvenz Kündigung durch den Insolvenzverwalter mit höchstens drei Monaten Frist (§ 113 InsO) Sozialplan gedeckelt, Abfindungen oft nur als Quote

Standortschließung im Konzern

Die Pflicht, einen freien Arbeitsplatz anzubieten, bezieht sich auf das Unternehmen, also auf Ihren Arbeitgeber mit all seinen Betrieben. Andere Gesellschaften desselben Konzerns muss er grundsätzlich nicht einbeziehen. Anders kann es sein, wenn Ihr Arbeitsvertrag eine konzernweite Versetzung vorsieht oder wenn ein anderes Konzernunternehmen die Übernahme von Beschäftigten zugesagt hat. Fragen Sie deshalb gezielt nach, ob an anderen Standorten Ihres Arbeitgebers Stellen frei sind oder in den nächsten Monaten frei werden, und lassen Sie sich die Antwort schriftlich geben.

Vorsicht vor dem verdeckten Betriebsübergang

Nicht jede angekündigte Schließung ist eine. Übernimmt ein anderes Unternehmen Räume, Maschinen, Kunden oder den Großteil der Belegschaft und führt die Tätigkeit im Wesentlichen fort, liegt ein Betriebsübergang nach § 613a BGB vor. Ihr Arbeitsverhältnis geht dann mit allen Rechten auf den Erwerber über, und eine Kündigung wegen des Übergangs ist unwirksam. Achten Sie auf Hinweise wie Verkaufsverhandlungen, Gespräche ehemaliger Kollegen mit einem neuen Inhaber oder denselben Auftraggeber unter neuem Namen.

Ist die Kündigung wegen Betriebsschließung wirksam? Die Prüfliste

Auch bei einer echten Schließung muss der Arbeitgeber eine Reihe formaler Anforderungen erfüllen. Jede dieser Fragen kann über die Wirksamkeit und damit über Ihre Verhandlungsposition entscheiden.

  1. Stand der Stilllegungsentschluss bei Zugang der Kündigung fest? Wer noch über einen Verkauf verhandelt, darf nicht schon wegen Stilllegung kündigen.

  2. Gibt es freie Arbeitsplätze in anderen Betrieben des Unternehmens? Dann muss der Arbeitgeber sie anbieten, notfalls durch eine Änderungskündigung.

  3. Wurde der Betriebsrat vor jeder Kündigung angehört? Ohne ordnungsgemäße Anhörung nach § 102 BetrVG ist die Kündigung unwirksam.

  4. Wurde die Massenentlassung richtig angezeigt? Ab bestimmten Zahlen muss der Arbeitgeber den Betriebsrat beteiligen und die Entlassungen vor Ausspruch der Kündigungen bei der Agentur für Arbeit anzeigen (§ 17 KSchG): in Betrieben mit 21 bis 59 Arbeitnehmern bei mehr als 5 Entlassungen innerhalb von 30 Kalendertagen, mit 60 bis 499 Arbeitnehmern bei 10 % oder mehr als 25, ab 500 Arbeitnehmern bei mindestens 30.

  5. Wurde ein Interessenausgleich versucht? Wenn nicht, steht Ihnen ein Nachteilsausgleich nach § 113 BetrVG zu, selbst wenn die Kündigung wirksam ist.

  6. Besteht Sonderkündigungsschutz? Dazu der nächste Abschnitt.

  7. Stimmen Form und Frist? Schriftform mit eigenhändiger Unterschrift (§ 623 BGB) und die richtige Kündigungsfrist.

Die kostenpflichtige Kündigungsprüfung von ProofDocs geht Ihr Kündigungsschreiben auf solche Punkte durch und zeigt, wo Sie nachhaken sollten.

Sonderkündigungsschutz bei Betriebsschließung

  • Betriebsratsmitglieder: Bei einer Stilllegung des Betriebs ist ihre Kündigung frühestens zum Zeitpunkt der Stilllegung zulässig (§ 15 Abs. 4 KSchG).

  • Schwangere und Mütter im Mutterschutz: Die Kündigung ist nur zulässig, wenn die zuständige Landesbehörde sie vorher ausnahmsweise für zulässig erklärt (§ 17 Abs. 2 MuSchG). Eine Stilllegung ist ein typischer Fall dafür, ohne die Erklärung ist die Kündigung aber nichtig.

  • Beschäftigte in Elternzeit: Auch hier braucht der Arbeitgeber eine behördliche Zulässigkeitserklärung (§ 18 BEEG).

  • Schwerbehinderte Menschen: Das Integrationsamt muss vorher zustimmen (§ 168 SGB IX). Bei einer Betriebseinstellung erteilt es die Zustimmung, wenn zwischen Kündigung und letztem Lohnzahltag mindestens drei Monate liegen (§ 172 Abs. 1 SGB IX). Ohne Zustimmung ist die Kündigung unwirksam.

Kündigungsfrist bei Betriebsschließung

Eine Betriebsschließung ist kein Grund für eine fristlose Kündigung. Es gilt die normale Kündigungsfrist aus Arbeitsvertrag, Tarifvertrag oder § 622 BGB. Die gesetzlichen Fristen für eine Kündigung durch den Arbeitgeber:

Betriebszugehörigkeit Kündigungsfrist
unter 2 Jahre 4 Wochen zum 15. oder zum Monatsende
ab 2 Jahre 1 Monat zum Monatsende
ab 5 Jahre 2 Monate zum Monatsende
ab 8 Jahre 3 Monate zum Monatsende
ab 10 Jahre 4 Monate zum Monatsende
ab 12 Jahre 5 Monate zum Monatsende
ab 15 Jahre 6 Monate zum Monatsende
ab 20 Jahre 7 Monate zum Monatsende

Schließt der Betrieb früher, als Ihre Frist läuft, endet das Arbeitsverhältnis trotzdem erst mit Ablauf der Frist. Bis dahin muss der Arbeitgeber das Gehalt weiterzahlen, auch wenn er Sie freistellt. Ihre konkrete Frist berechnet der Kündigungsfristrechner. In der Insolvenz kann der Insolvenzverwalter dagegen mit höchstens drei Monaten zum Monatsende kündigen, auch wenn Vertrag oder Gesetz eine längere Frist vorsehen (§ 113 InsO).

Wann besteht Anspruch auf eine Abfindung bei Betriebsschließung?

Einen allgemeinen gesetzlichen Anspruch gibt es auch bei einer Schließung nicht. Ein Anspruch auf Abfindung kann sich aber aus mehreren Quellen ergeben:

  • Sozialplan: Eine Stilllegung ist eine Betriebsänderung nach § 111 BetrVG. Hat das Unternehmen mehr als 20 wahlberechtigte Arbeitnehmer und einen Betriebsrat, ist ein Sozialplan erzwingbar. Wie seine Formeln funktionieren, zeigt der Ratgeber zur Abfindung im Sozialplan.

  • Nachteilsausgleich: Schließt der Arbeitgeber, ohne einen Interessenausgleich mit dem Betriebsrat versucht zu haben, können die Entlassenen eine Abfindung entsprechend § 10 KSchG einklagen.

  • § 1a KSchG: Bietet der Arbeitgeber im Kündigungsschreiben eine Abfindung gegen Verzicht auf die Klage an, erhalten Sie 0,5 Monatsverdienste pro Jahr, wenn Sie die Klagefrist verstreichen lassen.

  • Tarifvertrag: Rationalisierungsschutz- und Sozialtarifverträge enthalten oft Abfindungsregeln.

  • Vergleich oder Aufhebungsvertrag: Ohne kollektive Regelung entsteht die Abfindung durch Verhandlung, ihre Höhe folgt dem Prozessrisiko des Arbeitgebers.

Wie hoch ist die Abfindung bei Betriebsschließung?

Mit Sozialplan bestimmt dessen Formel den Betrag. Ohne Sozialplan dient die Faustformel von 0,5 Bruttomonatsverdiensten pro Beschäftigungsjahr als Ausgangswert. Ob ein Vergleich darüber oder darunter landet, hängt bei einer Schließung stärker als sonst von den Fehlern ab, die der Arbeitgeber macht.

Ausgangslage Übliche Größenordnung Beispiel: 12 Jahre, 3.800 € brutto
Echte Schließung, alle Formalien eingehalten, kein Sozialplan 0 bis 0,5 Monatsverdienste pro Jahr 0 bis 22.800 €
Sozialplan nach Formel, oft 0,5 bis 1,5 22.800 bis 68.400 €
Fehler bei Anhörung oder Massenentlassungsanzeige oft 0,75 bis 1,5 34.200 bis 68.400 €
Hinweise auf einen Betriebsübergang oft deutlich über 1,0 ab 45.600 €
Insolvenz mit Sozialplan nach Eröffnung gedeckelt durch § 123 InsO abhängig von Masse und Verteilung

Die Spannen sind Erfahrungswerte, keine Zusagen. Ihren Ausgangswert nach der Faustformel und die übliche Verhandlungsspanne zeigt der Abfindungsrechner. Wie sich Abfindungen ganz allgemein zusammensetzen, erklärt der Leitfaden zur Abfindung bei Kündigung.

Passende Leistung

Kündigung prüfen und Abfindung berechnen.

Der kostenlose Kündigungsrechner berechnet Ihre Klagefrist und die übliche Abfindung. Die Kündigungsprüfung liest Ihr Kündigungsschreiben auf Formfehler, Fristen und Sonderkündigungsschutz.

  • Vorschau kostenlos, Zahlung erst danach
  • Ergebnis in wenigen Minuten
  • Ohne Anmeldung und ohne Abo

Kostenlos: Abfindungsrechner · Kündigungsfrist berechnen · Kündigung Vorlage

Was Gerichte bei Betriebsschließungen prüfen

Wer nach Urteilen zur Abfindung bei Betriebsschließung sucht, sucht meist nach den Punkten, an denen Kündigungen in der Praxis scheitern. Die Rechtsprechung der Arbeitsgerichte folgt dabei einigen festen Grundsätzen:

  • Greifbare Formen: Der Stilllegungsentschluss muss bei Zugang der Kündigung nicht nur gefasst sein, sondern schon greifbare Formen angenommen haben, etwa durch die Kündigung von Mietverträgen, die Rückgabe von Aufträgen oder den Verkauf von Maschinen.

  • Keine Stilllegung bei Verkaufsverhandlungen: Verhandelt der Arbeitgeber noch ernsthaft über eine Veräußerung, fehlt es an einem endgültigen Entschluss.

  • Beweislast beim Arbeitgeber: Im Kündigungsschutzprozess muss der Arbeitgeber die Stilllegung und ihre Umsetzung darlegen und beweisen (§ 1 Abs. 2 Satz 4 KSchG).

  • Massenentlassungsanzeige als Wirksamkeitsvoraussetzung: Fehlt die Anzeige oder ist sie fehlerhaft, etwa ohne die Stellungnahme des Betriebsrats, ist die Kündigung unwirksam, auch wenn die Schließung echt ist. Nachholen lässt sich das nicht, der Arbeitgeber muss neu anzeigen und neu kündigen. Das hat das Bundesarbeitsgericht am 1. April 2026 nach zwei Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs vom 30. Oktober 2025 bestätigt (6 AZR 157/22 und 6 AZR 152/22).

  • Nachteilsausgleich ohne Interessenausgleich: Wer ohne Beteiligung des Betriebsrats schließt, zahlt auch bei wirksamer Kündigung.

Wie ein Verfahren abläuft und wann sich eine Klage lohnt, beschreibt der Beitrag zur Kündigungsschutzklage bei betriebsbedingter Kündigung.

Rechenbeispiel: drei Beschäftigte bei derselben Schließung

Ein Logistikunternehmen mit 140 Beschäftigten schließt sein einziges Lager. Arbeitgeber und Betriebsrat vereinbaren einen Sozialplan mit der Formel 0,8 × Bruttomonatsgehalt × vollendete Beschäftigungsjahre und einer Kappungsgrenze von 60.000 €. Für drei Beschäftigte ergibt das:

Person Kündigungsfrist (§ 622 BGB) Sozialplan Zum Vergleich: Faustformel
Frau E., 34 Jahre, 3 Jahre und 4 Monate, 3.100 € 1 Monat zum Monatsende 0,8 × 3.100 € × 3 = 7.440 € 4.650 €
Herr F., 47 Jahre, 11 Jahre, 3.900 € 4 Monate zum Monatsende 0,8 × 3.900 € × 11 = 34.320 € 21.450 €
Frau G., 58 Jahre, 26 Jahre, 4.300 € 7 Monate zum Monatsende 0,8 × 4.300 € × 26 = 89.440 €, gekappt auf 60.000 € 55.900 €

Das Beispiel zeigt zweierlei. Erstens liegt ein Sozialplan oft über der Faustformel, weil der Betriebsrat bei einer Schließung alle Betroffenen gleichzeitig vertritt. Zweitens trifft die Kappungsgrenze gerade die Langjährigen: Frau G. verliert durch sie fast 30.000 € gegenüber der ungekappten Formel. Für sie kann es sich lohnen, die Kündigung trotzdem prüfen zu lassen, zumal ihre Kündigungsfrist von sieben Monaten dem Arbeitgeber bei Fehlern ein hohes Annahmeverzugsrisiko beschert.

Betriebsübergang statt Schließung: Unterrichtung und Widerspruch

Stellt sich heraus, dass der Betrieb ganz oder teilweise auf einen neuen Inhaber übergeht, geht Ihr Arbeitsverhältnis automatisch mit über. Alter und neuer Inhaber müssen Sie vorher in Textform über den Zeitpunkt, den Grund, die rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen und die geplanten Maßnahmen unterrichten (§ 613a Abs. 5 BGB). Innerhalb eines Monats nach dieser Unterrichtung können Sie dem Übergang schriftlich widersprechen (§ 613a Abs. 6 BGB).

Ein Widerspruch will gut überlegt sein: Sie bleiben dann beim alten Arbeitgeber, der für Sie womöglich keine Arbeit mehr hat und betriebsbedingt kündigen kann. War die Unterrichtung fehlerhaft oder unvollständig, beginnt die Monatsfrist nicht zu laufen. Das ist ein häufiger Ansatzpunkt für Verhandlungen, wenn eine angebliche Schließung in Wahrheit ein Verkauf ist.

Lohn, Urlaub und Zeugnis bis zum letzten Tag

  • Gehalt bis zum Ende der Kündigungsfrist: Stellt der Arbeitgeber den Betrieb ein, bevor Ihre Frist abläuft, muss er das Gehalt trotzdem weiterzahlen, auch wenn er Sie nicht mehr beschäftigt (§ 615 BGB). Er darf Sie freistellen, aber nicht ohne Bezahlung nach Hause schicken.

  • Resturlaub: Können Sie offenen Urlaub wegen der Beendigung nicht mehr nehmen, ist er in Geld abzugelten (§ 7 Abs. 4 BUrlG). Eine Freistellung kann den Urlaub nur verbrauchen, wenn der Arbeitgeber das ausdrücklich erklärt.

  • Überstunden und variable Vergütung: Lassen Sie sich offene Überstunden, Provisionen und anteilige Sonderzahlungen schriftlich bestätigen, solange die Buchhaltung noch arbeitet.

  • Arbeitszeugnis: Sie haben Anspruch auf ein qualifiziertes Zeugnis (§ 109 GewO). Fordern Sie es an, solange Ihre Vorgesetzten erreichbar sind. Nach einer Schließung ist niemand mehr da, der Ihre Leistung beurteilen kann.

  • Betriebsrente: Eine Zusage der betrieblichen Altersversorgung bleibt Ihnen erhalten, wenn sie bei Ihrem Ausscheiden mindestens drei Jahre bestanden hat und Sie mindestens 21 Jahre alt sind (§ 1b BetrAVG). Lassen Sie sich die Höhe der unverfallbaren Anwartschaft mitteilen.

Betriebsschließung in der Insolvenz

Schließt der Betrieb wegen Insolvenz, gelten Sonderregeln. Der Insolvenzverwalter kann mit einer Frist von höchstens drei Monaten zum Monatsende kündigen. Rückständigen Lohn der letzten drei Monate vor der Eröffnung ersetzt die Agentur für Arbeit als Insolvenzgeld, eine Abfindung dagegen nicht.

  • Abfindung vor der Eröffnung vereinbart: gewöhnliche Insolvenzforderung, die Sie zur Tabelle anmelden. Am Ende erhalten Sie nur die Quote.

  • Sozialplan nach der Eröffnung: Gesamtvolumen höchstens zweieinhalb Monatsverdienste je betroffenem Arbeitnehmer, und höchstens ein Drittel der Masse darf dafür verwendet werden (§ 123 InsO).

  • Klagefrist: Auch gegen eine Kündigung des Insolvenzverwalters müssen Sie innerhalb von drei Wochen klagen.

Insolvenzgeld rechtzeitig beantragen

Ist Lohn offen, wenn das Insolvenzverfahren eröffnet oder mangels Masse abgewiesen wird, zahlt die Agentur für Arbeit Insolvenzgeld für die letzten drei Monate davor, in Höhe des Nettolohns. Der Antrag muss innerhalb von zwei Monaten nach diesem Insolvenzereignis gestellt werden (§ 324 Abs. 3 SGB III). Wer die Frist versäumt, verliert den Anspruch, es sei denn, er hat die Versäumnis nicht zu vertreten. Stellen Sie den Antrag deshalb sofort, wenn Sie von der Eröffnung erfahren, auch wenn die genaue Höhe der offenen Beträge noch nicht feststeht. Für die Abfindung selbst gibt es kein Insolvenzgeld.

Was tun, wenn die Schließung angekündigt ist? Sechs Schritte

  1. Zugang dokumentieren: Notieren Sie den Tag, an dem die Kündigung zugeht. Er startet die Drei-Wochen-Frist nach § 4 KSchG.

  2. Betriebsrat fragen: Gibt es einen Interessenausgleich und einen Sozialplan? Lassen Sie sich die Formel geben und rechnen Sie Ihren Betrag nach.

  3. Arbeitsuchend melden: Spätestens drei Monate vor dem Ende, bei kürzerer Frist innerhalb von drei Tagen nach Kenntnis (§ 38 SGB III). Sonst droht eine Sperrzeit von einer Woche.

  4. Hinweise auf eine Fortführung sammeln: Neuer Inhaber, übernommene Kunden, Kollegen mit neuen Verträgen. Das ist Ihr stärkstes Argument.

  5. Klage oder Verhandlung entscheiden: Bei Zweifeln an Stilllegung, Anhörung oder Anzeige vor Ablauf der drei Wochen klagen oder ein schriftliches Ergebnis aushandeln.

  6. Zeugnis und Auszahlung regeln: Verlangen Sie ein qualifiziertes Arbeitszeugnis, solange Vorgesetzte noch erreichbar sind, und planen Sie den Auszahlungstermin mit Blick auf die Steuer.

Abfindung ohne Betriebsrat: so verhandeln Sie

Ohne Betriebsrat gibt es keinen Sozialplan, und jeder verhandelt für sich. Das schwächt die Position des Einzelnen, aber nicht völlig. Drei Punkte helfen:

  • Gemeinsam auftreten: Wenn viele Beschäftigte gleichzeitig klagen, steigt das Risiko des Arbeitgebers um ein Vielfaches. Ein abgestimmtes Vorgehen, etwa über eine Gewerkschaft, verschafft Gewicht.

  • Formalien prüfen: Auch ohne Betriebsrat braucht der Arbeitgeber ab den Schwellen des § 17 KSchG eine Massenentlassungsanzeige. Fehlt sie, ist die Kündigung unwirksam.

  • Das Angebot nach § 1a KSchG bewerten: Bietet der Arbeitgeber 0,5 Monatsverdienste gegen Klageverzicht an, ist das bei einer echten, fehlerfrei umgesetzten Schließung oft ein faires Angebot. Bei Zweifeln an der Schließung oder der Anzeige ist die Klage meist wertvoller.

Wer seine Forderung schriftlich begründen möchte, baut sie am besten so auf: Angebot des Arbeitgebers, konkrete Zweifel an der Kündigung, eigener Vorschlag zu Abfindung, Beendigungsdatum und Zeugnis, Frist für eine Antwort vor Ablauf der Klagefrist. So bleibt Ihnen die Klage, falls keine Einigung zustande kommt.

Typische Fehler, wenn die Firma schließt

  • Selbst kündigen, weil die neue Stelle früher beginnt: Damit verlieren Sie in der Regel die Sozialplanabfindung und riskieren eine Sperrzeit. Besser ist ein Aufhebungsvertrag mit Verweis auf den Sozialplan oder eine Sprinterklausel.

  • Der Ankündigung blind vertrauen: Ob der Betrieb wirklich schließt, zeigt sich oft erst Monate später. Notieren Sie Hinweise auf einen Verkauf oder eine Fortführung.

  • Die Klagefrist im Trubel vergessen: Gerade bei einer Schließung warten viele ab, was der Betriebsrat erreicht. Die drei Wochen laufen trotzdem.

  • Zeugnis und Unterlagen zu spät anfordern: Nach der Schließung fehlen Ansprechpartner. Sichern Sie Zeugnis, Lohnabrechnungen und Nachweise über die Betriebsrente rechtzeitig.

  • Die Arbeitsuchendmeldung verschieben: Wer zu spät meldet, verliert eine Woche Arbeitslosengeld.

Abfindung, Arbeitslosengeld und Transfergesellschaft

Nach einer Arbeitgeberkündigung wegen Schließung droht keine Sperrzeit beim Arbeitslosengeld. Die Abfindung wird nicht angerechnet. Nur wenn das Arbeitsverhältnis vor Ablauf der ordentlichen Kündigungsfrist endet, etwa durch einen Aufhebungsvertrag, ruht der Anspruch nach § 158 SGB III für eine gewisse Zeit. Viele Sozialpläne bei Schließungen bieten außerdem den Wechsel in eine Transfergesellschaft an: bis zu zwölf Monate Transferkurzarbeitergeld, Qualifizierung und Vermittlung, bevor das Arbeitslosengeld beginnt.

Steuern auf die Abfindung

Auch die Abfindung bei einer Betriebsschließung ist voll einkommensteuerpflichtig und frei von Sozialabgaben. Die Fünftelregelung nach § 34 EStG mildert die Progression, seit 2025 aber nur noch über die Einkommensteuererklärung. Kirchensteuer fällt mit 8 % in Bayern und Baden-Württemberg und 9 % in den übrigen Ländern an. Rechenbeispiele finden Sie im Ratgeber Abfindung versteuern.

Zusammenfassung

Bei einer echten Betriebsschließung ist die Kündigung meist wirksam, und die Abfindung kommt vor allem aus einem Sozialplan oder dem Nachteilsausgleich. Viel Spielraum entsteht dort, wo der Arbeitgeber Fehler macht: bei Standortschließungen ohne Angebot eines anderen Arbeitsplatzes, bei verdeckten Betriebsübergängen, bei fehlerhafter Anhörung oder Massenentlassungsanzeige und beim Sonderkündigungsschutz. Prüfen Sie diese Punkte innerhalb der dreiwöchigen Klagefrist.

Der kostenlose Kündigungsrechner von ProofDocs berechnet das Ende Ihrer Klagefrist und einen Richtwert für die Abfindung. Ob die Kündigung wirksam ist, ersetzt er nicht, dafür ist die Prüfung durch einen Fachanwalt oder Ihre Gewerkschaft der richtige Weg.

Passende Leistung

Kündigung prüfen und Abfindung berechnen.

Der kostenlose Kündigungsrechner berechnet Ihre Klagefrist und die übliche Abfindung. Die Kündigungsprüfung liest Ihr Kündigungsschreiben auf Formfehler, Fristen und Sonderkündigungsschutz.

  • Vorschau kostenlos, Zahlung erst danach
  • Ergebnis in wenigen Minuten
  • Ohne Anmeldung und ohne Abo

Kostenlos: Abfindungsrechner · Kündigungsfrist berechnen · Kündigung Vorlage

Häufig gestellte Fragen

Bekomme ich eine Abfindung, wenn die Firma schließt?

Nicht automatisch. Einen Anspruch haben Sie, wenn ein Sozialplan, ein Tarifvertrag oder der Nachteilsausgleich nach § 113 BetrVG ihn vorsieht oder wenn der Arbeitgeber im Kündigungsschreiben eine Abfindung nach § 1a KSchG anbietet. Ohne diese Grundlagen entsteht eine Abfindung nur durch Verhandlung, meist nach einer Kündigungsschutzklage.

Wie hoch ist die Abfindung bei einer Betriebsschließung?

Mit Sozialplan bestimmt dessen Formel die Höhe, umgerechnet oft 0,5 bis 1,5 Monatsgehälter pro Beschäftigungsjahr. Ohne Sozialplan ist die Faustformel von 0,5 Monatsgehältern pro Jahr der übliche Ausgangswert. Ist die Schließung echt und die Kündigung fehlerfrei, liegt ein Vergleich eher darunter, bei Fehlern oder einem verdeckten Betriebsübergang deutlich darüber.

Welche Kündigungsfrist gilt bei einer Betriebsschließung?

Es gelten die normalen Fristen aus Arbeitsvertrag, Tarifvertrag oder § 622 BGB: vier Wochen zum 15. oder Monatsende, mit längerer Betriebszugehörigkeit bis zu sieben Monate zum Monatsende. Eine Betriebsschließung verkürzt die Frist nicht. Nur in der Insolvenz kann der Verwalter mit höchstens drei Monaten zum Monatsende kündigen (§ 113 InsO).

Was gilt bei einer Kündigung wegen Betriebsschließung in einem Kleinbetrieb?

In Betrieben mit zehn oder weniger Arbeitnehmern gilt das Kündigungsschutzgesetz nicht, der Arbeitgeber braucht keinen Kündigungsgrund nachzuweisen. Die gesetzlichen oder vertraglichen Kündigungsfristen und die Schriftform muss er trotzdem einhalten, und Sonderkündigungsschutz etwa bei Schwangerschaft gilt weiter. Eine Abfindung gibt es dort nur, wenn sie vereinbart wird oder ein Sozialplan des größeren Unternehmens sie vorsieht.

Wie hoch ist die Abfindung bei Insolvenzverfahren?

Für einen Sozialplan, der nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens aufgestellt wird, begrenzt § 123 InsO das Gesamtvolumen auf bis zu zweieinhalb Monatsverdienste je von der Entlassung betroffenem Arbeitnehmer. Zudem darf für Sozialplanforderungen höchstens ein Drittel der Masse verwendet werden, die sonst an die Insolvenzgläubiger verteilt würde. Wie viel der Einzelne erhält, hängt von der Verteilung im Sozialplan ab.

Lohnt sich eine Kündigungsschutzklage bei einer Betriebsschließung?

Wenn die Schließung echt ist und der Arbeitgeber alle Formalien eingehalten hat, sind die Aussichten gering. Lohnend ist die Klage, wenn der Betrieb in Wahrheit verkauft oder fortgeführt wird, wenn Sie an einem anderen Standort weiterbeschäftigt werden könnten oder wenn Betriebsratsanhörung oder Massenentlassungsanzeige fehlerhaft sind. Die Klage muss innerhalb von drei Wochen nach Zugang erhoben werden.

Muss mir der Arbeitgeber einen Arbeitsplatz an einem anderen Standort anbieten?

Ja, wenn es im Unternehmen einen freien, vergleichbaren Arbeitsplatz gibt, den Sie nach zumutbarer Einarbeitung ausfüllen können. Schließt nur ein Standort, ist eine Kündigung ohne dieses Angebot regelmäßig unwirksam (§ 1 Abs. 2 KSchG). Das Angebot kann auch zu geänderten Bedingungen erfolgen, dann in Form einer Änderungskündigung.

Gibt es bei einer Standortschließung eine Abfindung?

Es gelten dieselben Regeln wie bei jeder Betriebsschließung: Ein Anspruch besteht nur aus Sozialplan, Tarifvertrag, Nachteilsausgleich oder einem Angebot nach § 1a KSchG. Bei einer Standortschließung kommt aber ein wichtiges Argument hinzu: Hat Ihr Arbeitgeber weitere Standorte mit freien, vergleichbaren Stellen, muss er sie Ihnen anbieten. Tut er das nicht, ist die Kündigung angreifbar, und Ihre Verhandlungsposition steigt.

Muss ich bei einer Betriebsschließung bis zum letzten Tag arbeiten?

Grundsätzlich ja, solange der Arbeitgeber Sie beschäftigt und Ihre Kündigungsfrist läuft. Stellt er den Betrieb früher ein, muss er Sie trotzdem bis zum Ende der Frist bezahlen. Resturlaub können Sie nehmen oder sich auszahlen lassen, wenn er wegen der Beendigung nicht mehr genommen werden kann. Eine neue Stelle vor dem Ende lässt sich über einen Aufhebungsvertrag oder eine Sprinterklausel regeln, ohne die Abfindung zu verlieren.

Quellen

Gesetze

Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts

  • BAG, Az. 6 AZR 157/22
  • BAG, Az. 6 AZR 152/22